Taiji-China-Reise(bericht) / Kapitel 9

ENTSCHLEUNIGUNG

Montag, 29. August 2005

 

Wir sind um vier Uhr dreißig aufgestanden. Es regnet immer noch und wir hoffen, dass es keine weiteren Erdrutsche gegeben hat. Denn sonst sitzen wir hier oben in den Bergen fest.  

Nach dem Frühstück geht es los. Tatsächlich hat sich die vom Regen geschwängerte Erde mehrfach vom Felsen gelöst und ist auf die Straße gestürzt. Wir können noch eine dieser Wegengen passieren, bevor das Erdreich weiter nachgibt und die Straße unter sich begräbt.

Wieder unten, in Wudang-Stadt angekommen, mietet uns Meister Yang gleich neben dem Bahnhofsgebäude eine Art Wartezimmer. Da unser Zug erst in gut acht Stunden einrollt, sitzen wir fünf nun also in einem Acht-Quadratmeter-Raum mit zwei Betten und einem Tisch. Stimmengewirr und der lärm der Stadt dringen zu uns herein. Irgendwann schlafe ich ein.     

Als ich wieder aufwache, beschließen wir gemeinsam in die Stadt zu gehen. Der Bezirk um den Bahnhof ist ein Sammelsurium von kleinen Hütten und Plattenbauten aus den siebziger Jahren. Überall sind Geschäfte, Frisörläden und Kioske untergebracht.

In den Außenbezirken stehen deutlich neuere Bauten. Auch hier überall Läden und Garküchen. Die Auslagen sind jedoch besser sortiert. Anscheinend leben hier die Besserverdienenden.

Verkehrsregeln kann ich keine erkennen. Jeder geht und fährt hier wie es ihm gefällt. Die Autofahrer machen mit lautem Hupen auf sich aufmerksam und andauerndes Klingeln kündigt die vielen Radfahrer an. Eine Kreuzung wird auch schon mal diagonal über-quert und die Zebrastreifen dienen anscheinend nur zur Verzierung der Straße.

Auch Straßenreinigung und die Müllabfuhr kündigen ihr Kommen an. Ein Müllwagen fährt vor und die Melodie von "Jingle Bells" lädt die Bewohner der Häuser ein, ihren Müll los zu werden.

An das ständigen Spucken kann ich mich nicht gewöhnen. Dabei stehen die Frauen den männern jedoch in nichts nach.

Nach der Tour gehen Meister Yang und Frau Li zum Essen. Wir drei ziehen es vor etwas zu dösen. Für unsere westlichen Verhältnisse sind wir irgendwie viel zu früh hier in Wudang-Stadt und müssen noch entsprechend lange auf unsere Abfahrt warten. Gerade die Hälfte der acht Stunden Wartezeit ist erst vorbei. Wir machen Witze und meinen, wir sind gerade dabei uns zu "entschleunigen". Sabini ist am Ende der Meinung, dass wir uns hier nicht entschleunigen, sondern ausgebremst werden. Stimmt !

Um siebzehn Uhr zweiundfünfzig sitzen wir dann endlich im Zug. Wir haben nun eine dreizehnstündige Fahrt vor uns und dieses Mal reisen wir nicht im luxeriösen Schlafwagen, mit eigener Schlafkoje, sondern im ganz normalen Waggon.

Mir gegenüber sitzen zwei junge Chinesinnen, die mich versuchen anzusprechen. Sie sprechen jedoch kein englisch und ich noch immer keinen Fetzen chinesich. Helmuth tut sprachlich sein Möglichstes. Immerhin schenken mir die beiden etwas Gebäck und auf Drängen von Helmuth auch noch eine halbe Schweinswurst, die ziemlich fett ist. Um mir keine Blöße zu geben, würge ich sie hinunter. Natürlich sorge ich dafür, dass Helmuth die andere Hälfte der Wurst bekommt. Rache ist Schweinswurst !

Der Zug ist bis auf den letzten Platz ausgebucht. Wir fahren durch ein Gebiet, in dem der viele Regen seine Spuren hinterlassen hat. Die Flüsse sind über die Ufer getreten und ergießen sich nun ins Hinterland. Im Zug weisen Verbotsschilder darauf hin, das Rauchen zu unterlassen, keinen Abfall auf den Boden zu werfen und nicht zu spucken. Gott sei Dank halten sich die meisten Fahrgäste an das Spuckverbot. Obstreste, Schalen von Sonnenblumenkernen und Papier verschwindet unter den Tischen, den Sitzen oder auf dem Gang. Die guten Geister des zuges bringen wieder Ordnung in das kleine Chaos. So langsam beginne ich dieses Volk zu lieben. Sie sind eben nur etwas seltsam, diese Chinesen.

Bin auf unsere Nacht gespannt !    

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