Taiji-China-Reise(bericht) / Kapitel 3 

WUDANG SHAN - MIT SCHRANKE

Dienstag, 23. August 2005

 

Sechs Uhr Früh. Ich wache auf und mein erster Blick aus dem Zug-fenster bereitet mir Sorgen. Es regnet. Wir überqueren einen Fluss, der gerade dabei ist seine Ufer zu überfluten. Hoffentlich fahren wir nicht ins angekündigte Überschwemmungsgebiet. Helmuth meint, dieses läge noch weiter südlich. Beruhigen tut mich das nicht. 

Das flache Land wird zunehmend bergiger. Frau Li zeigt mir, wie man Sonnenblumenkerne knackt und den weichen Kern geschickt mit der Zunge aus der Schale holt.

Haben seit gestern die Bekanntschaft mit drei kleinen Chinesen  gemacht, die jetzt immer öfters bei uns vorbeischauen. Haben uns doch glatt für Amis (Meiguoren) gehalten. Schnell wird geklärt, dass wir "Deguoren" sind.

Der Älteste der drei ist von meinen Tätowierungen total begeistert. Als ich ihm auch noch den Drachen auf meinem Bauch zeige, strahlen seine Augen Er streichelt meinen Bauch und sagt immer wieder "Long" , das chinesische Wort für Drachen. Dabei spricht er das Wort so ehrfürchtig aus, dass ich ziemlich gerührt bin. 

 

Mir fällt auf, dass immer etwas gegessen wird. Es wird geschmatzt und geschlürft. Zwischendurch wird der Zug von emsigen Helfern gesäubert. Ist auch notwendig. Gestern abend waren die Toiletten für uns kaum noch benutzbar. Heute Morgen sind sie wieder ok. Wir müssen uns erst einmal an diese Zustände gewöhnen. Bei uns Zuhause leben wir doch recht steril. Kein Wunder, dass wir so leicht von allen möglichen Keimen in die Knie gezwungen werden.

 

Noch drei Stunden bis Wudang Shan.

Morgen beginnt der Unterricht. Freue mich, endlich Taiji üben zu können. Bin schon ganz steif vom vielen Sitzen.

Nach zwanzig Stunden Zugfahrt kommen wir in Wudang-Stadt an, überqueren zwei Gleise und werden schon von Taxifahrern erwartet. Meister Yang lässt sich Zeit, während ein junger Fahrer ihm seine Vorzüge und die seines Taxis preist. Währenddessen werden wir auf Englisch gefragt, ob wir wegen dem Wudang-Gongfu hier sind. Helmuth zeigt kurz auf Meister Yang und die Fragerei nimmt ein Ende. Meister Yang und der Fahrer werden sich handelseinig.

Wir verstauen unser Gepäck und zwängen uns in den Sechssitzer made in China. Nach fünf Minuten erreichen wir den Eingang zum Wudang-Gebirge, bezahlen die Eintrittsgelder und weiter geht es. Langsam quält sich unser Wagen nach oben. Rechts und links üppige Vegetation. Wo die Straße endet, fällt der Berg steil ab.

Jetzt bloß keinen Fahrfehler. Es hat im Wudang fast einen Monat endlos geregnet und bald blockieren die ersten Erdrutsche die Hälfte der Fahrbahn. Nachdem wir die noch etwas unterhalb liegende Tempelanlage des nördlichen Himmelstors hinter uns gelassen haben - plötzlich eine Schranke !  

 

Es beginnt ein unglaubliches Palaver. Wir haben keine Ahnung, worum es dabei geht, aber es wird ziemlich laut.

Dabei habe ich gerade angefangen diese herrliche Bergwelt zu genießen. Gespannt verfolgen wir den Wortwechsel ohne etwas zu verstehen. Wir versuchen aus Lautstärke und Heftigkeit herauszu-finden, worum es gehen könnte. Es ist unmöglich. Ich bin sauer, weil mir durch die Diskussion meine ersten Eindrücke von diesem heiligen Gebirge gestohlen werden!

Kein Wunder, haben sich die Mönche in die Berge zurückgezogen, um diesem Wahnsinn zu entgehen. Je mehr Menschen hierher kamen, umso weiter zogen sie sich zurück.  Zhang Sanfeng ist ganz verschwunden. Wir hoffen dennoch eine Spur von ihm zu finden.

In meinem Herzen lebt er weiter.

Wir wechseln das Fahrzeug und können weiterfahren. Unser Ziel ist ein kleines Bergdorf. Sabini, Helmuth und ich haben beschlossen ab jetzt gemeinsam ein Zimmer zu bewohnen.  

Die Wolkendecke sinkt von Minute zu Minute und bald sind die Berge um uns verschwunden. Die Schönheit und das Geheimnis des Wudang Shan scheinen sich noch vor uns verbergen zu wollen.

Eine halbe Stunde nach Ankunft entscheidet Meister Yang, schon heute mit dem Unterricht zu beginnen. Er findet in der Hotellobby statt. Natürlich sind wir dort nicht allein. Hotelpersonal und einige Gäste schauen uns neugierig zu. Meister Yang korrigiert sehr genau. Nach zweieinhalb Stunden kann ich nichts mehr aufnehmen.

Bin im Moment mit der für mich noch fremden Form und den neuen Ideen überfordert.

Sabini ist auf dem Zimmer geblieben. Ihr Magen rebelliert. Helmuth kümmert sich rührend um sie und verordnet fünf Globuli Okubaka stündlich. Morgen Früh beginnt der Unterricht um sechs Uhr.

Mein Gott, warum tue ich mir das an. Die Zukunft wird es zeigen.

Die Duschkabine leckt und ich setzt das Badezimmer unter Wasser. Was für ein Tag!   

  

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