Taiji-China-Reise(bericht) / Kapitel 12

STADT DER BEGRÜNDER

Donnerstag, 1.September 2005

 

Habe eine furchtbare Nacht hinter mir. Bauchkrämpfe ließen mich nicht durchschlafen. Um sieben Uhr beginnt trotzdem das Training. Heute üben wir Taiji-Schwert.

Der Innenhof von Meister Yang ist für mehrere Personen mit Schwert dafür etwas zu klein und so gehen wir kurzerhand in die Nachbarschaft. Tritt man bei den etwas größeren Häusern durch das Eingangstor, wird der Besucher erstmal von einem lichtdurchfluteten Innenhof empfangen. Der Blick fällt dabei zuerst auf eine Wand, deren glasierte Kacheln Landschaften zeigen. Bunte Landschaftsbilder und Flusslandschaften mit Weiden oder Bergmotiven scheinen hierbei recht beliebt zu sein. 

Bei Meister Yang im Hof zeigt die Wand das Bagua (8 Trigramme) mit einem Yin-Yang-Symbol in dessen Zentrum.

 

Zum Frühstück stehen heute Hirsesuppe, gedämpfter Kohl, kleine, eingelegte Fische und gezuckerte Tomaten auf dem Tisch.

Die Fische werden dabei als Ganzes verzehrt, das heißt mit Flossen, Kopf und Gräten. Habe es mir schlimmer vorgestellt. Für mich steht zum Frühstück auch eine eisgekühlte Flasche Bier auf dem Tisch.  

Ich sage Meister Yang, dass es doch noch etwas zu früh am Tage sei, um dies Getränk zu genießen.

Wir haben uns mittlerweile angewöhnt, wie die Chinesen beim Essen zu schmatzen. Ich behaupte, dass dadurch die Geschmacksknospen der Zunge den Geschmack der Speisen besser wahrnehmen können. Werde es mir zuhause wieder abgewöhnen müssen.

Nach dem Frühstück machen wir uns auf den Weg zur Besichtigung der Wohnstätten und Häuser der legendären Begründerväter des Yang-Stils und des Wu-Stils (alter Wu-Stil). Beide Taiji-Stile stammen aus Guangfu/Yongnian. Der Wu-Stil-Begründer Wu YuXiang war ein Schüler des Yang-Stil-Begründers Yang LuChan.

Wir besuchen zuerst das Haus von Wu YuXiang, denn dieses liegt innerhalb der Stadtmauern. Das Haus von Yang LuChan hingegen ist etwas außerhalb der Stadtmauer zu finden.

Das Gehöft von Wu YuXiang besteht aus drei wunderschönen Innenhöfen und die weiße Marmorbüste des ehrwürdigen Altmeisters ist dort zu bestaunen. Ein imposantes Fleckchen Erde. Man wird ehrfürchtig.

Anschließend schlendern wir ein stückweit über die begehbare

Stadtmauer und gelangen zum Anwesen von Yang Luchan. Nie hätte ich gedacht, jemals an diesem Ort zu sein. Auf diesem Boden und in diesen Wänden hat der legendäre Yang-Stil-Begründer gelebt und geübt. Sabini und ich stehen hier ja zum ersten Mal, Helmuth war ja bereits schon vor einigen Jahren hier, und doch ergreift auch ihn die selbe Sprachlosigkeit, gar Ergriffenheit, wie uns. Als Yang-Stil praktizierender Taiji-Adept steht man hier definitiv auf absolut historischem Grund und Boden. MEHR geht nicht ! 

Man bewegt sich ruhigen und sanften Schrittes im Anwesen und vor dem inneren Auge huscht und springt der "ehrwürdige Altmeister" noch immer um die Ecken und gewährt kurze Einblicke seiner legendären Fähigkeiten und seines außergewöhnlichen Könnens.

Was er wohl von unseren heutigen, doch eher recht leidlichen Taiji-Bemühungen halten würde ? Welchen Ratschlag würde er uns wohl mit auf den Weg geben ?   

  

Nach einiger Zeit des Staunens und dem ein oder anderen unver-zichtbaren Erinnerungsfotos, machen wir uns über die Stadtmauer wieder zurück auf den Weg zu Meister Yangs Zuhause.

Yongnian ist von seiner Größe her eine Stadt mit eher dörflichem Charakter. Die riesige Stadtmauer umgibt die komplette Ansiedlung. Die Straßen sind unbefestigt und jetzt im Sommer erzeugen unsere Schritte kleine Staubwolken.

 

Das Nachmittagstraining beginnt um sechzehn Uhr. Sabini und Helmuth üben sich in der Schwertform und ich erarbeite mir unter den Argusaugen von Meister Yang nochmals die 38er- und die 85er-Form. Bereits nach einer Viertelstunde sind unsere T-Shirts komplett durchgeschwitzt.      

Nach dem Abendessen sitzen wir mit Meister Yang gemeinsam im Hof und plaudern über Taiji, die Yang-Familie und unsere gemachten Fortschritte.

Rein zur Entspannung laufen Helmuth, Sabini und ich nochmal die 38er-Form. Doch Meister Yang springt sofort auf und korrigiert.

Entspannung ade.

Seine enormen Taiji-Kenntnisse und sein unnachlässiges und unermüdliches Bestreben danach, einem die unverzichtbaren und notwendigen, nächsten Schritte aufzuzeigen um persönlich weiter zu kommen, faszinieren mich.

Morgen wird er seine Schüler um fünf Uhr Früh wieder auf der Stadtmauer unterrichten, wie jeden Morgen, wenn er zu Hause ist.

Wir drei haben in den letzten zehn Tagen gut und gerne fünfzig Stunden Unterricht bei ihm genossen, haben eine Menge dazu-gelernt und ausreichend Stoff zum Üben.

Herr, ich danke dir hier zu sein, auch wenn mich der Durchfall plagt.

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